EIN GUTER NÄHRBODEN FÜR ACHTSAMKEIT

Ein guter Nährboden für Achtsamkeit

Ein starres Befolgen von Rezepten, Ratschlägen und Anweisungen allein reicht nicht aus, um die heilende Kraft der Achtsamkeit zu entwickeln. Lernen und Abhaken hat damit wenig zu tun. Erst wenn der Geist offen und empfänglich ist, kann es zu Erkenntnis, Einsicht und Wandlung kommen. Die Praxis der Achtsamkeit beschränkt sich nicht nur auf ein paar Minuten Meditation am Tag, sondern durchdringt alle Bereiche des Lebens, das ganze Sein.

Deine innere Einstellung ist von grundlegender Bedeutung. Sie ist der Nährboden auf dem der Samen aufgehen und gedeihen kann. Solltest Du unter „Vorbehalt“ meditieren, werden vermutlich keine Ergebnisse eintreten.

1. Nicht Urteilen

Unsere Gewohnheit, alles zu bewerten und zu beurteilen sitzt fest in unseren Köpfen. Alles was wir sehen, wird von unserem Geist sofort etikettiert und klassifiziert, und wir versuchen so unseren Nutzwert für uns zu bestimmen.

Beim Üben der Achtsamkeit kommt es darauf an, das urteilende Wesen des Geistes, sobald wir es wahrnehmen, bewusst anzunehmen und der Beobachter zu werden, der nichts anderes tut, als zu beobachten. Wenn der Geist Urteile fällt, geht es nicht darum, ihn daran zu hindern. Werde dir nur bewusst, dass es geschieht. Nicht selten beurteilen wir dann auch noch das Urteilen und verkomplizieren alles noch weiter. Nehme es einfach an und lege bewusst Deine Aufmerksamkeit auf Deine Atmung.

2. Geduld

Geduld ist eine Form von Weisheit, eine Art inneres Wissen. Ein Zeichen, das wir verstehen und akzeptieren, dass Dinge manchmal eigene Zeit benötigen, um zur vollen Entfaltung zu gelangen. Jeder Moment Deiner Zeit ist Dein Leben. Warum einen Moment Deines Lebens schnell hinter Dich bringen, um zu einem anderen zu gelangen, der „besser“ erscheint?

Die Übung der Geduld ist besonders hilfreich, wenn der Geist in Aufruhr ist. Ungeduld kann ein Zeichen werden, dass unser Geist wieder auf der Gegenwartsflucht hin in die Zukunft oder Vergangenheit ist. Geduld lehrt uns, nicht jeden Augenblick mit rastlosem Tun oder ständigem Denken anfüllen zu müssen, um uns Bedeutung zu verleihen. Geduld bedeutet, für jeden Augenblick empfänglich zu sein und ihn mit seiner ganzen Fülle anzunehmen. In einem tiefen Wissen, dass sich alles entfaltet, wenn der richtige Moment gekommen ist, so wie die Larve eines Schmetterlings.

3. Den Geist des Anfängers bewahren - Nichtwissen

Die Fülle des Lebens liegt in der Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks, im Jetzt. Viel zu oft stehen wir uns selbst im Weg. Wir haben vorgefasste Meinungen und können daher die Dinge nicht sehen, wie sie wirklich sind. Meistens gehen wir davon aus, dass unsere Meinung und unsere vorgefassten Denkmuster die absolut richtigen sind.

Um den Reichtum des Augenblicks erfassen zu können, müssen wir den Geist des Anfängers, einen Pioniergeist entwickeln, der bereit ist, alles so zu betrachten, als wäre es das erste Mal. Dieser Geist ist frei von Erwartungen und Tatsachenwissen, was uns gefangen hält.

Versuche diese Geisteshaltung in deinen Alltag zu bringen, indem du offen und unvoreingenommen auf die Dinge, Situationen oder Menschen zugehst. Stell dir vor, du triffst einen alten Bekannten. Bemerke, was dein Geist sofort an Projektionen, Erinnerungen, Bewertungen und Gefühlen zur Verfügung stellt. Versuche deinen Bekannten jetzt ganz neu, mit offenen Augen „jetzt“ zu sehen. Vielleicht entdeckst du ganz neue Dinge, die dir bis jetzt vorenthalten blieben.

4. Vertrauen

Wer achtsam lebt, entwickelt Vertrauen in sich selbst, in die eigene Wahrnehmung. Bei allen Übungen bleibst Du der Beobachter Deiner selbst, egal, was ein anderer Mensch Dir sagt. Versuche keinen anderen Menschen zu imitieren, das ist immer der falsche Weg. Bleibe kritisch und erkenne selbst, was Du für richtig hältst. Ständiges Hinterfragen jedoch wirkt wie eine Bremse und hat wenig mit Vertrauen zu tun, sondern blockiert Dich in Deiner Entwicklung. Es ist nicht möglich, wie jemand anderes zu werden, wohl aber, immer mehr und vollkommener Dein wahres Selbst zu entwickeln. Je mehr Dein Selbstvertrauen wächst, desto mehr Vertrauen setzt Du in Deine Mitmenschen und in diese Welt.

5. Akzeptanz

Akzeptanz bedeutet die Gegenwart so zu nehmen, wie sie ist. Akzeptanz ist ein wichtiger Baustein der Achtsamkeit und wird mit jeder Meditation geübt. Sobald wir einen Teil unserer persönlichen Erfahrung ablehnen, gehen wir zurück auf die Ebene des Denkens.

Die einfache Gegenwart ist auf einer unbewussten Ebene oft mit Ängsten und Unwohlsein verbunden. Wir wollen die einfache Wahrheit unserer eigenen Wahrnehmung einfach nicht akzeptieren. Ein unbewusster Reflex, ein Fluchtmechanismus, abzutauchen in die gewohnte Vergangenheit oder Zukunft. Wenn wir die Aufmerksamkeit immer wieder in die Gegenwart zurückbringen, braucht es ein gewisses Maß an Offenheit. Mit Ausdauer und Übung stellt sich mehr und mehr Akzeptanz ein. Wenn du Kopfschmerzen hast, akzeptiere sie. Wenn du Übergewichtig bist, akzeptiere Deine Leibesfülle als den Jetzt-Zustand Deines Körpers. Wenn Du Dein Glück von einem idealen Körper abhängig machst, bist Du dauerhaft frustriert und wirst keine Veränderung erreichen.

Oftmals gehen dem Akzeptieren stark emotional geprägte Perioden der Leugnung und des Grolls voraus bevor wir lernen, uns mit den Realitäten abzufinden, was jedoch zu jedem Heilungsprozess gehört. Die Annahme dessen was ist, befreit uns von dem Wunsch, etwas anders haben zu wollen.

Akzeptanz bedeutet nicht, alles gut zu heißen und eine passive Haltung einzunehmen oder die eigenen Einstellungen zu verleugnen und ein Ja-Sager zu werden. Es bedeutet auch nicht, den Wunsch nach persönlicher Veränderung aufzugeben oder sich für eine bessere Welt einzusetzen oder Missstände zu tolerieren. Akzeptanz bedeutet nur, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Mit einer Haltung von Akzeptanz schaffen wir eine Voraussetzung, in jeder Situation unseres Lebens angemessen zu reagieren, was auch immer geschehen mag.

6. Loslassen

Loslassen und Annehmen sind eng miteinander verbunden. Sich üben die der Haltung des Loslassens oder Nicht-Anhaftens ist eine förderliche Grundeinstellung der Achtsamkeitspraxis. Beginnen wir unser Inneres achtsam zu beobachten, kommen wir uns auf die Spur, wie festgefahren unsere Gedankengänge, Gefühle und Erinnerungen sind, die der Geist immer wieder vorspielt.

Loslassen ist nicht einfach machbar, indem wir sagen „Lass doch mal endlich los“. Loslassen ist eine Kunst, die wir mit der Achtsamkeitspraxis immer wieder üben und erfahren können. Wenn es gelingt, spüren wir das Loslassen oftmals im ganzen Leibe, wenn sich absichtslos die Schultern senken, die Atmung vertieft und eine Entspannung im ganzen Körper spür - und sichtbar wird.

7. Nicht-Erzwingen - jedoch Entschlossenheit

Unser gesamtes Tun ist heutzutage zielgerichtet und zweckbestimmt. Meditation unterscheidet sich von jeder anderen menschlichen Aktivität, und ist, obwohl es Anstrengung und Disziplin verlangt, keine Aktivität im üblichen Sinne, sondern aktives Nichts-Tun. Das einzige Ziel des Meditierenden ist „sich selbst zu betrachten“, was ein Paradoxum ist, denn jeder Mensch ist „er selbst“. Es verweist auf eine andere Form der Selbstbetrachtung, in der es weniger um das Wollen sondern mehr um das Sein geht.

Willst Du in der Meditation etwas erreichen, wie z.B., Entspannung, Erleuchtung, den Schmerz loswerden usw., dann bist Du zielorientiert und verlässt die Beobachterposition und das Sosein und damit das Sein im Hier und Jetzt.

Achtsamkeit ist mehr als nur eine gute Idee. Es bedarf eines festen Entschlusses, die Durchhalteenergie und Selbstdisziplin aufzubringen. Es benötigt den Geist der Hingabe an die Übungen, denn nur so kann sich der „Sein-Modus“ im Alltag erst richtig entfalten. Der Preis für die Ganzheit ist kein geringerer als die vollständige Hingabe an die Ganzheit selbst, der unerschütterliche Glaube an die eigene Fähigkeit, sie in jedem Augenblick zu verwirklichen.

Laut C.G. Jung muss derjenige, der die Ganzheit erreichen will, sich kompromisslos mit seinem ganzen Wesen dafür einsetzen. Dies ist der Preis, der keinerlei Erleichterung zulasse.

(Zusammenfassung aus: Gesund durch Meditation - Das große Buch der Selbstheilung von Jon Kabat-Zinn)