Schuld & Selbstvergebung

Liebe Leserinnen und Leser,  

viele Menschen können sich unter Gruppenarbeit wenig vorstellen.  Aus diesem Grunde schreibe ich ausführlich über eine Ritual-Arbeit während einer Gruppensitzung zu einem Thema, welches viele Menschen betrifft.  

Schuld, ein ungeliebter Schatten

(die Veröffentlichung ist mit der Klientin abgesprochen. Namen und einige Fakten wurden zum Schutz verändert) 

Anliegen und Beschreibung zum Verständnis:

Die Klientin klagt über viele Baustellen, die sie z.Zt in ihrem Leben hat. Sie spricht von Eheproblemen, Probleme mit ihren Kindern u.v.m. Ich fordere sie auf, sich für ein Problem zu entscheiden, um ihre Verwirrung bereits am Anfang einzudämmen. Daraufhin wählt sie das Problem mit ihrer Tochter (33 Jahre).  
Sie berichtet, dass ihre Tochter ein „Messi“ sei und bereits die 3. Wohnung zumülle. Sie, die Mutter half jedes Mal, die Wohnungen zu entmüllen und zu renovieren, wenn der Tochter wieder gekündigt wurde. Derzeit vermutet die Mutter das gleiche Desaster, jedoch ist ihr der Zutritt zur jetzigen Wohnung verwehrt. Ebenso quält sie ein Verdacht auf Alkoholmissbrauch ihrer Tochter. Sie berichtet von deren Isolation und der Unfähigkeit, die Verantwortung für ein normales Leben zu übernehmen. Sie leide auch unter epileptischen Anfällen. Das Telefon, so die Mutter, beantworte sie wochenlang nicht unter fadenscheinigen Ausreden. Die Tochter lehnt therapeutische Hilfe kategorisch ab. 
Helga, (so nenne ich sie hier) klagt über schlaflose Nächte. Sie verliere sich in schlimmste Fantasien. „Die Sorgen um meine Tochter fressen mich auf“, so wörtlich. Sichtbar ist, dass sie ihre Balance verloren hat. Sie reagiert mit schweren psychosomatischen Symptomen.  

Die Arbeit in der Gruppenmitte

Während Helga in der Gruppenmitte sitzt und mit bebender Stimme, tränenüberströmt die Situation schildert, merke ich, wie sie sich mehr und mehr in einem Gefühlschaos verliert. Sichtbar wird, wie sie sich anstrengt, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. In diesem Gefühlschaos ist kein klarer Gedanke möglich.  
Ich merke, wie mich angesichts ihres Gefühlschaos eine unglaubliche Ratlosigkeit und Hilflosigkeit überkommt und damit bewusst in Resonanz gehe, was ich ihr allerdings nicht mitteile. Selbst Mutter von drei Kindern, spüre ich Mitgefühl mit dieser Frau. Es geht jetzt um Anerkennung der schwierigen und aussichtslos erscheinenden Situation. Kluge Ratschläge wären hier „Schläge ins Gesicht“. Ich bin sicher, dass sie schon genug Klugheiten von anderen Mitmenschen erfragt und gehört hat. „Du musst deine Tochter loslassen, dürfte einer diese Ratschläge sein. Wie erklärt man einer verzweifelten Mutter ein so schnell dahin gesprochenes Wort „loslassen“? Wie geht das?  

Entmischung des Gefühlschaos

Ich entscheide mich, zuerst das Gefühlschaos dieser Frau zu entmischen und vertraue darauf, dass sich immer etwas Weiterführendes zeigt, wenn ein Mensch lange genug spürbewusst (mit allen Sinnen) in seinen Gefühlen bleibt. 
Dazu bitte ich sie, für jedes anwesende Gefühl ein Kissen stellvertretend im Raum zu verteilen. Es benötigt ein wenig Zeit, bis sie sich wirklich spülbewusst einlassen kann. (Anfänglich benötigt es ein wenig Hilfe, jedoch Helga ist geübt in Spürbewusstsein und findet sich gut ein.) Nun durchlebt sie geistig und sehr körperlich, mit allen Sinnen, ihre Traurigkeit, ihren Schmerz, ihre Scham, ihre Verzweiflung, ihre Angst, ihre Schuld und ihre Wut. Ihre, gedanklich selbst entfachte Gefühlsüberflutung, beruhigt sich langsam und wir alle merken eine Erleichterung. 
Als Sie am Kissen „Wut“ steht, fühlt sie Wut gegen ihre Mutter aufsteigen. Das ist eine „verführerische“ Situation jetzt auf dieses „Nebengleis“ einzusteigen. Helga hatte ihre leidvolle Muttergeschichte schon einige Male bearbeitet. Ein unbewusstes Ablenkungsmanöver, das vom eigentlichen Thema wegführen soll? Ihre Mutter, Schuld an allem? Ein Generationskonflikt der nach Auflösung sucht. 

Schuld und Selbstvergebung

Stattdessen frage ich sie, wie schuldig sie sich selbst an der Misere ihrer Tochter fühle? Jetzt steht sie am Schuld-Kissen und die ganze unbewusste Schuld bricht aus ihr heraus. Sie bringt ihre Scheidung mit dem Beginn der Probleme ihrer Tochter in Verbindung. Die ganze Schuld fühlt sie körperlich schwer auf ihren Schultern liegend. Ich rede ihre Schuld nicht weg und lasse sie sehr bewusst in diesem heilsamen Prozess. 65 Jahre, ein gelebtes Leben, eine Scheidung und niemals schuldig geworden, ist fast „lächerlich“! Meiner Erfahrung nach ist „Schuld“ ein ungeliebter Schatten, den wir Menschen gerne verdrängen.  

Transformation

Jetzt steht sie nackt und unverhüllt in ihrer Schuld dort. Hier ist keine Flucht mehr vor der „nackten Wahrheit“ sondern eine heilsame Selbstentblößung. Hier ist kein Ersatz, wie eine masochistische Selbstdarstellung oder der richtende Fingerzeig auf Andere, wo wir unerkannt bleiben wollen. Hier ist keine Selbstbestrafung für das nackte DASEIN anwesend. Hier ist Nähe zu allen Menschen dieser Welt. „In der leiblichen Nacktheit, fühlen wir uns auf seltsame Weise Menschen einander nah. Es wird offensichtlich, dass niemand ein ganzer Teufel oder ein ganzer Engel ist. Alle bewegen wir uns im Zwischenbereich von Schöpfung und Zerstörung.  

„Verteufelung kommt aus der Verhüllung des nackten Menschseins“ (Zitat P Schellenbaum). 

Sie ist nun ganz da mit all dieser Schuld. Sie ist jetzt inniglich mit ihrer Wahrheit verbunden. Nach einer Weile sehe ich, wie sich ihr Körper langsam entspannt, die Schultern nach unten fallen, ihre Augen einen neuen Glanz bekommen. Dann nimmt sie Augenkontakt mit mir auf. Nun Frage ich sie, ob sie sich selbst vergeben kann? Ruhig nickt sie mir zu und ich leite mit der Klopfmethode einen Selbstvergebungsprozess ein. Sie integriert den Schattenanteil, den sie bis jetzt so abgewehrt hatte. Das Leben ist immer polar, da wo Licht ist ist auch Schatten, da wo Teufel ist, ist auch Engel.  
Diese „Ganzheit“ füllt sie nun ganz aus. Es breitet sich eine tiefe Ruhe aus, die im ganzen Raum und für viele der Teilnehmer spürbar wird. Aus vorherigen ohnmächtigen Chaos entsteht Ruhe aus der Neues wachsen kann.  
Das Problem mit ihrer Tochter kann sie nun gelassener sehen. Ich sage ihr nun, das das Leben nicht da ist, um von den Sorgen aufgefressen zu werden, sondern selbst dafür zu sorgen, das sie sich nährt und „satt“ wird.  

Loslassen aus der Mitte

Sie geht noch einen Schritt weiter, als ich sie frage, ob sie bereit wäre, ihre Tochter an eine höhere Kraft abzugeben. Sie bejaht und in diesem Moment ist es egal, wie sie diese Kraft nennt, sie ist bereit, zu Vertrauen und ihre Tochter innerlich loszulassen. Die anfängliche Gefühlsüberflutung hat sich in eine neue Energie gewandelt.  

Später schreibt sie mir folgende Zeilen: „Den Rest vom Samstag ging es mir sehr schlecht. Sonntag war die Stimmung schon erheblich besser. Nur noch körperlich abgeschlafft. Heute, wie ein kleines Wunder, fühle ich mich sehr beschwingt und meine Schritte fühlen sich an, als hätte ich Federn unter meinen Füßen. Irgendwie scheint eine schwere Last von meinem Rücken gesprungen zu sein.“ 

Neue Ausrichtung 

Ich bin sicher, dass diese energetische Arbeit sich zukünftig positiv auf das Verhalten zwischen Mutter und Tochter auswirken wird. Ein erster Schritt in eine neue Richtung, die einen Generations-Schuld-Konflikt auflösen wird? 

Lieben Gruß  
Lisa Möller